Kaum ein Partizip klingt für so viele Menschen falsch wie das richtige: gewinkt. Wer gewinkt oder gewunken nachschlägt, bekommt eine klare Antwort – standardsprachlich korrekt ist gewinkt, denn „winken“ ist ein regelmäßiges Verb: winken, winkte, gewinkt. „Gewunken“ ist im ganzen Sprachraum verbreitet und wird überall verstanden, gilt aber als umgangssprachlich. compakt.de/ erklärt, wie die zweite Form entstanden ist, warum sie sich so vertraut anhört und in welchen Texten Sie unbedingt bei „gewinkt“ bleiben sollten. Der Beitrag gehört zu unserer Serie über die häufigsten Rechtschreibfehler im Deutschen.
Das Wichtigste in drei Sätzen
„Winken“ wird schwach gebeugt, das Partizip II lautet gewinkt: Sie hat mir zum Abschied gewinkt. „Gewunken“ ist eine Analogiebildung nach starken Verben wie trinken – getrunken und wird vom Duden als umgangssprachlich beziehungsweise landschaftlich eingestuft. In Prüfungen, Behördentexten und Bewerbungen gibt es deshalb nur eine Wahl: gewinkt, abgewinkt, durchgewinkt.
Schwach oder stark: Wie ein Partizip entsteht
Deutsche Verben bilden ihre Vergangenheitsformen auf zwei Wegen. Schwache (regelmäßige) Verben hängen im Präteritum ein -te an und bilden das Partizip mit -t: winken – winkte – gewinkt. Starke Verben ändern stattdessen den Stammvokal: trinken – trank – getrunken, sinken – sank – gesunken, stinken – stank – gestunken. „Winken“ gehört zur ersten Gruppe. Es kennt keinen Vokalwechsel, und das Präteritum winkte bestreitet auch niemand – kaum jemand sagt sie wank.
Das Problem entsteht erst beim Partizip. Weil „winken“ auf -inken endet wie „trinken“, „sinken“ und „stinken“, liegt das Muster -unken im Ohr bereit. Das Gehirn überträgt es auf ein Verb, das eigentlich nicht dazugehört – eine sogenannte Analogiebildung. So ist gewunken entstanden: nicht aus einer alten Regel, sondern aus der Ähnlichkeit zu anderen Wörtern.
Regelmäßige Verben behalten in allen Formen ihren Stammvokal und bilden das Partizip II mit der Endung -t; ein Partizip mit Vokalwechsel steht ihnen nicht zu, auch wenn ähnlich klingende starke Verben es nahelegen.
Grundregel der deutschen Schulgrammatik, sinngemäß

Warum „gewunken“ so richtig klingt
Viele Muttersprachler stutzen, wenn sie gewinkt lesen, und halten es für den Fehler. Der Grund ist simpel: Sie haben gewunken in ihrem Leben öfter gehört. Das Ohr entscheidet nach Häufigkeit, nicht nach Grammatik. Was vertraut klingt, wirkt richtig – und was selten vorkommt, wirkt falsch. Das ist eine Frage der Gewohnheit, nicht der Norm.
Die Norm ist eindeutig. Der Duden führt gewunken zwar auf, aber mit dem Vermerk umgangssprachlich beziehungsweise landschaftlich. Für lockere Gespräche und private Chats heißt das: Niemand wird Sie korrigieren. Für alles Schriftliche mit Anspruch – Prüfungen, Behördentexte, Bewerbungen, Verträge – heißt es: gewinkt. Ein ähnlicher Konflikt zwischen Klang und Schreibung steckt hinter tot oder Tod: Auch dort führt das Ohr in die Irre, weil ein d am Wortende wie ein t klingt.
Durchgewinkt, abgewinkt, zugewinkt: die Zusammensetzungen
Was für das Grundverb gilt, gilt für jede Zusammensetzung. Auch hier bleibt das Partizip ohne u:
- abwinken → abgewinkt: Die Chefin hat bei dem Vorschlag sofort abgewinkt.
- zuwinken → zugewinkt: Er hat mir vom Bahnsteig aus zugewinkt.
- durchwinken → durchgewinkt: Der Antrag wurde durchgewinkt.
- herbeiwinken → herbeigewinkt: Sie hat den Kellner herbeigewinkt.
Besonders durchgewinkt begegnet Ihnen in Nachrichten und Protokollen ständig, wenn Gremien einen Beschluss ohne Diskussion passieren lassen. Die Variante durchgewunken ist in Redaktionen und Amtsstuben ein Klassiker unter den Korrekturen.
Backen, hauen, melken: Verben mit zwei Formen im Vergleich
Das Deutsche kennt durchaus Verben, bei denen zwei Formen nebeneinander existieren – teils gleichberechtigt, teils mit Bedeutungsunterschied, teils mit einer veralteten Variante. „Winken“ gehört nicht dazu, aber der Vergleich zeigt, wo die Grenze zwischen echter Doppelform und bloßer Umgangssprache verläuft.
| Verb | Partizip II | Präteritum und Anmerkung |
|---|---|---|
| winken | gewinkt | winkte; „gewunken“ umgangssprachlich/landschaftlich |
| backen | gebacken | backte oder buk – beide Präteritumformen üblich |
| hauen | gehauen | haute – schwaches Präteritum, starkes Partizip |
| fragen | gefragt | fragte; „frug“ veraltet |
| melken | gemolken oder gemelkt | melkte oder molk |
| salzen | gesalzen oder gesalzt | beide Partizipien möglich |
| weben | gewebt oder gewoben | „gewoben“ vor allem in bildlicher Bedeutung |
Der Unterschied zu „winken“: Bei backen, melken, salzen und weben sind beide Formen standardsprachlich zugelassen. Bei „winken“ ist nur eine Form standardsprachlich – die schwache.
Gewinkt oder gewunken in Bewerbung, Behörde und Alltag 2026
Wo entscheidet die Form wirklich etwas? Überall dort, wo ein Text bewertet wird. Ein paar Situationen aus dem Jahr 2026, jeweils mit der Form, die Sie schreiben sollten:
- Behörde: Der Bauantrag wurde ohne Auflagen durchgewinkt.
- Protokoll: Der Vorstand hat den Vorschlag der Geschäftsführung durchgewinkt.
- Prüfung: Die Wärterin hat dem Fahrer gewinkt, bevor sie die Schranke öffnete.
- Chat: Hab dir gewinkt, hast du mich nicht gesehen? – hier wäre auch gewunken niemandem aufgefallen, aber „gewinkt“ ist nicht weniger natürlich.
Die Faustregel für die Praxis: Je förmlicher der Text, desto sicherer gewinkt. Wer im Anschreiben einer Bewerbung schreibt, dass er in seinem letzten Projekt „nichts einfach durchgewunken“ habe, riskiert, dass der Satz als Fehler wahrgenommen wird – und zwar von genau den Leserinnen und Lesern, die auf Sprache achten. Dieselbe Sorgfalt lohnt sich bei Klassikern wie wie viel oder wieviel: Was vertraut klingt, ist nicht automatisch Norm.
Merksatz und Kurztest
Die Eselsbrücke ist kurz: Winken ist schwach – kein u im Partizip. Wer es lieber als Satz mag: Ich habe gewinkt, wie ich gewinkt habe. Zwei Wörter, dieselbe Form, kein Vokalwechsel. Ergänzend hilft der Blick auf das Präteritum: Wer winkte sagt und nicht wank, hat schon zugegeben, dass das Verb schwach ist – und ein schwaches Verb bekommt ein schwaches Partizip. Genauso funktioniert übrigens die Unterscheidung bei seit oder seid: Nicht der Klang entscheidet, sondern die grammatische Funktion.
Testen Sie sich:
- Der Zugbegleiter hat uns ___ (gewinkt / gewunken).
- Der Vorschlag wurde ohne Diskussion ___ (durchgewinkt / durchgewunken).
- Sie ___ (winkte / wank) ihm vom Bahnsteig aus zu.
- Hat er dir ___ (zugewinkt / zugewunken)?
- Der Chef hat bei der Idee sofort ___ (abgewinkt / abgewunken).
Lösungen: 1 gewinkt · 2 durchgewinkt · 3 winkte · 4 zugewinkt · 5 abgewinkt. Wer bei Satz 3 nicht gezögert hat, sollte auch bei den anderen vier nicht zögern: Es ist dasselbe Verb.
Fragen rund um das Partizip
Ist „gewunken“ falsch?
Standardsprachlich ja. Der Duden verzeichnet gewunken als umgangssprachlich beziehungsweise landschaftlich. Im Gespräch fällt es nicht auf, in Prüfungen und offiziellen Texten gilt nur gewinkt.
Heißt es „durchgewunken“ oder „durchgewinkt“?
Durchgewinkt. Zusammensetzungen folgen dem Grundverb: Der Antrag wurde durchgewinkt.
Wie lautet das Präteritum von „winken“?
Winkte: Sie winkte ihm zu. Das schwache Präteritum ist der beste Beweis dafür, dass auch das Partizip schwach ist.
Warum klingt „gewinkt“ für viele falsch?
Weil gewunken häufiger zu hören ist und nach dem Muster von getrunken und gesunken gebildet wurde. Das Ohr folgt der Gewohnheit, die Grammatik folgt der Regel.
Bilanz
Die Entscheidung gewinkt oder gewunken fällt zugunsten der unauffälligeren Form: gewinkt. „Winken“ ist ein schwaches Verb, sein Partizip hat kein u, und das gilt für abgewinkt, zugewinkt, durchgewinkt und herbeigewinkt ebenso. „Gewunken“ dürfen Sie im Gespräch weiter benutzen – schreiben sollten Sie es dort, wo es auf Korrektheit ankommt, nicht. Weitere Zweifelsfälle mit schneller Antwort sammelt unsere Übersicht der häufigsten Rechtschreibfehler.