„Sondervermögen“ ist das Unwort des Jahres 2025 in Deutschland – ein Begriff, der nach Einschätzung von Expertinnen und Experten die Öffentlichkeit über den tatsächlichen Zustand der Staatsfinanzen in die Irre führt, wie die Redaktion von compakt.de berichtet unter Berufung auf tagesschau.de. Die Jury der sprachkritischen Initiative Unwort des Jahres kam zu dem Schluss, dass sich hinter der neutral klingenden Formulierung das Thema staatlicher Schulden verbirgt, das direkte Folgen für Politik und Steuerzahler hat.
Warum „Sondervermögen“ zum Unwort des Jahres gewählt wurde
Die Entscheidung wurde in Marburg von den Mitgliedern der unabhängigen Initiative Unwort des Jahres bekannt gegeben. Sie betonten, dass der Begriff „Sondervermögen“ im Jahr 2025 zu einem der zentralen Schlagworte im öffentlich-politischen Diskurs in Deutschland geworden sei und die Debatten über Staatsverschuldung sowie umfangreiche Investitionsprogramme maßgeblich geprägt habe. Problematisch sei vor allem, dass der Begriff den Eindruck erwecke, es handele sich um vorhandene finanzielle Mittel, obwohl es tatsächlich um neue Schulden gehe.
Nach Ansicht der Jury mildert eine solche Wortwahl die Wahrnehmung von Verschuldung ab und schwächt die kritische Auseinandersetzung in der Gesellschaft. Dadurch bestehe die Gefahr, dass Bürgerinnen und Bürger finanzielle Risiken und langfristige Folgen staatlicher Entscheidungen unterschätzen.
Unterschied zwischen Alltagsverständnis und finanzpolitischer Bedeutung
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird „Sondervermögen“ meist als ein abgegrenzter Teil eines Vermögens verstanden, der vom Gesamtvermögen getrennt ist. Genau dieses intuitive Verständnis übernehmen viele Menschen, wenn sie dem Begriff in Nachrichten oder politischen Stellungnahmen begegnen. Das vermittelt den Eindruck finanzieller Stabilität.
In der Haushalts- und Finanzpraxis des Staates bedeutet „Sondervermögen“ jedoch etwas anderes. Gemeint ist ein Nebenhaushalt oder ein spezieller Fonds für bestimmte Aufgaben, der unmittelbar mit der Aufnahme von Krediten oder entsprechenden Kreditermächtigungen verbunden ist. Diese Diskrepanz macht den Begriff aus Sicht der Expertinnen und Experten zu einem euphemistischen und irreführenden Ausdruck.
Wie der Begriff im öffentlichen Diskurs ein Eigenleben entwickelte
Die Jury stellte zudem fest, dass sich der Begriff schnell über den fachlichen Kontext hinaus verbreitet und im breiten öffentlichen Diskurs etabliert habe. Viele Menschen seien mit der speziellen finanzpolitischen Bedeutung nicht vertraut und orientierten sich am alltäglichen Verständnis. Dadurch wirke der Begriff nicht mehr als neutrale Beschreibung, sondern als sprachliches Mittel zur Verharmlosung.
Fachleute betonen, dass solche sprachlichen Verschiebungen die Wahrnehmung komplexer Themen verändern und die öffentliche Meinung beeinflussen. Gerade bei Fragen der Staatsverschuldung sei dies besonders sensibel, da politische Entscheidungen langfristige wirtschaftliche Konsequenzen haben.
Platz zwei: „Zustrombegrenzungsgesetz“ und die Sprache über Migration
Den zweiten Platz im Ranking der Unwörter des Jahres belegte der Begriff „Zustrombegrenzungsgesetz“. Nach Einschätzung der Jury bedient sich dieser Ausdruck einer sogenannten Wassermetapher und stellt Migration als einen unkontrollierten Zustrom dar. Eine solche Wortwahl vermittle ein Bedrohungsszenario und verstärke negative Einstellungen gegenüber Migrantinnen und Migranten.
Solche Formulierungen vereinfachten komplexe gesellschaftliche Prozesse und reduzierten sie auf Bilder, die Ängste und Spannungen schürten. Aus diesem Grund habe die Jury den Begriff als schädlich für den gesellschaftlichen Dialog eingestuft.
Wer das Unwort des Jahres wählt und wie das Verfahren abläuft
Die Initiative Unwort des Jahres arbeitet unabhängig und ehrenamtlich. Zur Jury gehören vier Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, eine Journalistin sowie jährlich wechselnde Gastmitglieder. Im Jahr 2025 zählte auch der Schriftsteller, Jurist und Journalist Ronen Steinke dazu.
Er nannte als sein persönliches Unwort des Jahres den Begriff „Umsiedlung“. Mit diesem Wort hätten israelische und amerikanische Politiker im vergangenen Jahr die Idee einer dauerhaften Verlagerung der Bevölkerung aus dem Gazastreifen beschrieben. Eine Formulierung, die neutral oder sogar positiv klinge, verschleiere in Wirklichkeit einen gewaltsamen Inhalt, betonte die Jury.
Wie viele Vorschläge 2025 eingereicht wurden
Das Unwort des Jahres wird aus Einsendungen ausgewählt, die Bürgerinnen und Bürger jeweils bis zum 31. Dezember einreichen können. In diesem Jahr gingen 2.631 Vorschläge ein, die 533 unterschiedliche Begriffe enthielten. Rund 70 davon erfüllten die Kriterien der Jury und wurden näher geprüft.
Entscheidend ist dabei nicht die Häufigkeit der Nennungen, sondern die Wirkung eines Begriffs auf Sprache und Gesellschaft. Berücksichtigt werden Ausdrücke, die gegen Menschenwürde oder demokratische Prinzipien verstoßen, gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder Sachverhalte verschleiern. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 war in Deutschland der Begriff „biodeutsch“ zum Unwort des Jahres gewählt worden.
Nach intensiven Debatten über Sprache, Politik und gesellschaftliche Bedeutungen richtet sich der Blick in der öffentlichen Wahrnehmung nun schnell auf ein anderes Thema – auf die schillernden Momente der Popkultur: Bei den Golden Globes 2026 sorgte die Mimik von Leonardo DiCaprio überraschend für eine Welle an Memes, die sich in kürzester Zeit viral im Netz verbreiteten.