Die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung gilt als angespannt, und für die Gesundheitspolitik steht ein Wendepunkt bevor. Wie die Redaktion von compakt.de berichtet, sehen Union und SPD das Jahr 2026 als entscheidend für tiefgreifende Reformen. Bereits im kommenden Jahr sollen rund 12 Milliarden Euro eingespart werden, um steigende Beiträge zu verhindern. Insgesamt geht es mittelfristig um ein Einsparvolumen von bis zu 30 Milliarden Euro. Die Koalition setzt dabei auf mehrere Stellschrauben, die Patienten, Ärzte, Kliniken und Pharmaunternehmen betreffen.
Arztbesuche und neue Gebührenmodelle
Ein zentraler Ansatzpunkt sind die Kosten für Arztkontakte, die seit Jahren steigen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, bringt eine Kontaktgebühr von drei bis vier Euro pro Arztbesuch ins Gespräch. Ziel ist es, unnötige Arztkontakte zu reduzieren und damit Ausgaben zu senken. Auch aus der Union kommen deutliche Signale, dass über höhere Zuzahlungen offen gesprochen werden müsse. Gleichzeitig betont die SPD, dass Einsparungen nicht allein zulasten der Patienten gehen dürfen. Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaunternehmen sollen ebenfalls ihren Beitrag leisten.
Mögliche Auswirkungen für Patienten
Für Versicherte könnten sich durch neue Regelungen spürbare Veränderungen ergeben. Denkbar sind unter anderem:
- eine moderate Gebühr pro Arztbesuch zur Steuerung der Nachfrage
- stärkere Eigenverantwortung bei leichten Erkrankungen
- intensivere Beratung über den richtigen Versorgungsweg
Diese Maßnahmen sollen langfristig dazu beitragen, das System finanziell zu stabilisieren.
Primärarztsystem als Steuerungsinstrument
Parallel dazu plant die Koalition die Einführung eines Primärarztsystems. Künftig sollen Hausärzte stärker als erste Anlaufstelle fungieren und den weiteren Behandlungsweg koordinieren. Nach Berechnungen aus der Union könnte bereits eine Reduzierung der Arztkontakte um zehn Prozent Einsparungen in Milliardenhöhe bringen. Durch eine bessere Steuerung sollen Doppeluntersuchungen und unnötige Facharztbesuche vermieden werden. Gleichzeitig soll die medizinische Qualität erhalten bleiben. Kritiker warnen jedoch vor längeren Wartezeiten, insbesondere in strukturschwachen Regionen.
Prävention als langfristiger Sparhebel
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Gesundheitsprävention. Der CSU-Gesundheitsexperte Stephan Pilsinger verweist auf ungesunde Lebensgewohnheiten als Kostentreiber. Rauchen, Alkoholkonsum und Bewegungsmangel verursachen langfristig hohe Behandlungskosten. Durch gezielte Präventionsprogramme könnten mittelfristig erhebliche Summen eingespart werden. Experten sehen hier ein Potenzial von bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr. Voraussetzung ist allerdings, dass Präventionsangebote konsequent ausgebaut und angenommen werden.
Beispiele für Präventionsansätze
Mögliche Maßnahmen zur Kostensenkung sind unter anderem:
- stärkere Förderung von Bewegungsprogrammen
- Ausbau von Vorsorgeuntersuchungen
- Aufklärungskampagnen zu Ernährung und Suchtprävention
Krankenhauslandschaft im Wandel
Auch die Krankenhausstruktur steht auf dem Prüfstand. Künftig soll es weniger Kliniken geben, dafür mit höherer Qualität und besserer Spezialisierung. Politiker aus der Koalition machen deutlich, dass der Anspruch auf ein Krankenhaus in unmittelbarer Nähe nicht überall aufrechterhalten werden kann. Gleichzeitig soll die medizinische Grundversorgung im ländlichen Raum gesichert bleiben. Besonders großes Einsparpotenzial sehen Experten im Rettungsdienst und in der Steuerung von Patientenströmen. Allein hier könnten jährlich mehrere Milliarden Euro eingespart werden.
Pharmaunternehmen und Arzneikosten
Die Ausgaben für Medikamente sind zuletzt deutlich gestiegen und belasten die Krankenkassen erheblich. Krankenkassen fordern deshalb höhere Abschläge von den Herstellern. Allein durch einen angepassten Herstellerabschlag könnten jährlich bis zu drei Milliarden Euro eingespart werden. Die Pharmaindustrie warnt jedoch vor negativen Folgen für Innovation und Forschung. Die Koalition steht hier vor der Herausforderung, Kostendämpfung und Wettbewerbsfähigkeit in Einklang zu bringen.
Politische Bewertung der Reformpläne
Zusammengenommen ergibt sich ein erhebliches Einsparpotenzial, das für die Stabilität des Systems entscheidend ist. Vertreter der Union warnen, dass das Gesundheitssystem in seiner bisherigen Form nicht mehr effizient arbeite. Ohne Reformen drohten weiter steigende Beiträge für Versicherte und Arbeitgeber. Die geplanten Maßnahmen stoßen daher auf Zustimmung, aber auch auf Kritik. Klar ist, dass 2026 zu einem Schlüsseljahr für die Zukunft der deutschen Gesundheitspolitik werden dürfte.
Lesen Sie auch: Reform der Grundsicherung – Praxis und Politik klaffen auseinander.